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Dr. Hering erzählt von seinen Reisen - Der edle Diagnosen-Sammler Drucken E-Mail

Dr. Hering erzählt von seinen Reisen

... Auf meinen Reisen – erzählt Dr. Hering – (siehe: "Die Homöopathie" von Dr. Bönninghausen S. 229.) kam ich einst in ein Dorf; da ließ mich der Edelmann einladen, die Nacht, statt in der Schänke, bei ihm zu bleiben. Es war ein reicher Kauz, wie gewöhnlich krank dabei, hatte Langeweile und guten Wein. Als er hörte, dass ich ein junger Doktor wäre, der sich soeben auf Reisen begeben, sagte er, er wolle lieber, dass sein Sohn Scharfrichter würde.


Als ich mich dessen wunderte, brachte er ein großes Buch herbei und erzählte mir:

er sei vor 20 Jahren krank geworden, aber nicht am Verstand; da hätten sich zwei berühmte Doktoren gezankt über seine Krankheit! Er habe also keinen von Beiden genommen und ihre Arzneien noch weniger, aber die Sache in ein Buch geschrieben.

Hierauf sei er aber nicht gesund geworden, sondern auf Reisen gegangen, willens, wenn er drei Ärzte finden könnte, die über ihn einig wären - ohne Absprache - dann deren Kur zu brauchen, aber auch keine andere.

Darum habe er fast alle berühmten Ärzte und noch einige unberühmte um Rat gefragt, und bei aller seiner Plage sei er dem ersten Vorsatz treu geblieben, habe jedes Mal den guten Rat hier ins Buch eingetragen, aber noch keines übereinstimmenden habhaft werden können (dies war ehedem gerade so wie noch jetzt), daher auch keinen einzigen befolgt, sei zwar immer noch krank, aber doch wenigstens am Leben geblieben. Übrigens kostete ihn das Buch ein schweres Geld.

Das Buch war wie ein Comptoirbuch eingerichtet, in groß Folio, Tabellenform. Da standen in der ersten Rubrik die Namen der Ärzte, alle nummeriert; es waren ihrer 477; in der zweiten Rubrik standen die Namen seiner Krankheit, sowie die wesentlichen Naturen des Übels erörtert; es waren 313 Verschiedenheiten nummeriert, als die wichtigeren; in der dritten standen die vorgeschlagenen Mittel, es waren 892 Rezepte, in denen, zufolge des mit Sorgfalt angelegten Registers, 1097 Heilmittel verordnet waren.

Die Summen standen unter jedem Folio angegeben.

Er nahm eine Feder und sagte trocken: Wollen Sie mir nicht auch etwas raten? Ich will's eintragen unter Nummer 478.

Ich hatte aber keine Lust, sondern fragte ihn nur, ob Hahnemann denn nicht dabei wäre?

Er schlug ihn lachend auf: "Nummer 301. Krankheitsname 0, Mittel 0."

Das ist der Gescheiteste von Allen, rief er, der sagte:

"Der Name der Krankheit, der ginge ihn nichts an, und der Name der Mittel, der ginge mich nichts an; die Hauptsache wäre nur die Heilung."

Warum aber, fragte ich, er sich von diesem Gescheitesten nicht hatte behandeln lassen?

– Weil er nur Einer ist, ich aber drei will, die einig sind.

Ich fragte: ob er wohl etliche 100 Taler an einen Versuch wenden wollte, dann könnte ich ihm nicht drei, sondern 33 Ärzte namhaft machen an ganz verschiedenen Orten, Ländern und Weltgegenden, die alle übereinstimmen würden.

Er zweifelte, doch beschloss er, es zu wagen. Nun machten wir eine Beschreibung seiner Krankheit, und er schickte dieselbe, sobald die Kopien fertig waren, an 33 verschiedene homöopathische Ärzte, legte in jeden Brief einen Louisd´or – manche der Leser werden sich dessen vielleicht noch erinnern – und ersuchte, ihm die Mittel namhaft zu machen, welche ihm seine Krankheit, wo nicht heilen, doch vorerst verbessern könnten.

Vor Kurzem erhielt ich ein Fass Rheinwein von 1822. "Zweiundzwanziger schicke ich Ihnen," schrieb er, "denn 22 stimmten in ihren Antworten überein. Da sah ich, dass sie Recht hätten und es noch eine Sicherheit gäbe in der Welt.

Ich schaffte mir die Werke an, um dahinter zu kommen. Unter fast 200 Mitteln wählten 22 Ärzte – alle dasselbe. Mehr war nicht zu verlangen. Der Nächste behandelte mich, und ich schicke Ihnen den Wein, damit ich vor Freuden über meine zunehmende Gesundheit nicht zu viel trinke."

Jedem, der die Wahrheit der Geschichte bezweifeln sollte, steht es frei.

Aber wenn sich ein Kranker davon überzeugen will, so mache er nur die Probe darauf und tue so wie jener Kauz. Er vergesse aber die Louisd´ors nicht und für mich das Fässchen Rheinwein. ...

 

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